vom 19.08.2017 - Autor: Marco Neumann

Das Neue Testament (der Teil der Bibel, der mit Jesu Geburt beginnt) besteht zum größten Teil aus Briefen. Briefen, die von Menschen meist an eine oder mehrere Gemeinde geschrieben wurden. Sie schrieben diese Briefe, teils um auf konkrete Anfragen aus diesen Gemeinden zu reagieren oder um auf Entwicklungen / Fehlentwicklungen innerhalb dieser Gemeinde zu reagieren, die sie auszumachen meinten.

Es scheint wichtig, sich bewusst zu machen, dass diese „Korrekturbriefe“ von ihrer Natur her ein sehr verzerrtes Bild der urchristlichen Gemeinden zeichnen. Ein Beispiel mag das verdeutlichen...

Man stelle sich vor, ein Ingenieur ist anderthalb Jahre mit einer Gruppe Menschen zusammen, um mit ihnen ein Fahrzeug zu bauen. Über diese 1,5 Jahre wissen wir nahezu nichts. Später, als ein Problem mit diesem Fahrzeug auftritt, schreibt der Ingenieur einen Brief an die Erbauer – so etwas wie: „Dass immer das rechte Vorderlicht ausfällt liegt daran, dass die ursprüngliche Lampenkonstruktion mit dieser Hitze nicht zurecht kommt. Bohrt ein paar Löcher in den Lampenkasten oder verwendet besser folgende Glühlampe...“

Wenn uns nun nur solche Briefe erhalten sind und wir darauf unser Bild des Fahrzeugs gründen, weil wir denken, diese Briefe liefern uns eine Art Bauanleitung für Fahrzeuge, aus der wir beliebig zitieren könnten, werden wir in Schwierigkeiten geraten. Einerseits, weil viele der Korrekturen konkrete Fahrzeuge in konkreten Umständen betreffen. Andererseits aber, weil wir uns auf die Korrekturen stützen aber dabei unter Umständen völlig außer Acht lassen, was das Wesentliche des Fahrzeugbaus war. Das, was in den 1,5 Jahren der Anwesenheit des Ingenieurs geschah und in keinem Brief steht. Wenn wir also unser selbst konstruiertes Fahrzeug nehmen und dann die Korrekturen aus den Briefen anwenden, ist das nicht nur sinnlos sondern womöglich auch noch kontraproduktiv.


...weil wir uns auf die Korrekturen stützen aber dabei unter Umständen völlig außer Acht lassen, was das Wesentliche des Fahrzeugbaus war


Die Apostelgeschichte erzählt zum Beispiel, Paulus hätte die Gemeinde in Korinth gegründet und sei anderthalb Jahre dort gewesen (Apg 18). Sie erzählt nahezu nichts darüber, was er dort gepredigt hat (außer "das Wort Gottes", was im Verständnis der Apostelgeschichte die Botschaft von Jesus ist). Aber uns sind zwei (oder mehr) Korrekturbriefe erhalten, die Paulus dieser Gemeinde geschrieben hat. Nehmen wir daraus beispielhaft die Korrektur korinthischer Ethik: „Alles ist erlaubt, aber nicht alles ist nützlich, nicht alles baut auf, ich will mich von nichts beherrschen lassen“ (1.Kor.6,12 + 1.Kor.10,23). Was sagt uns diese Korrektur über das, was Paulus da anderthalb Jahre lang gepredigt hat? 78 Predigten des Paulus (wenn wir annehmen, dass er nur einmal in der Woche gepredigt hat) – und was er da gepredigt hat, hinterließ bei den Korinther die Gewissheit, dass vor Gott alles erlaubt ist! Und das korrigiert Paulus so, dass er diese Erkenntnis nicht bestreitet, sondern darauf hinweist, dass es außer einem Verbot durch Gott noch andere Kriterien für Ethik gibt – nämlich inwieweit etwas letztendlich der Liebe dient – also mich selbst und andere auferbaut und Freiheit etabliert.


Was sagt uns diese Korrektur über das, was Paulus da anderthalb Jahre lang gepredigt hat?


Nimmt man nun nur diese Korrekturen und predigt sie dann vielleicht noch auf gesetzliche Weise, dann tut man letztlich genau das Gegenteil von dem, was Paulus in dieser Gemeinde erreichen wollte und hat einen vollkommen anderen Schwerpunkt. Würde man dagegen solange davon predigen, dass alles erlaubt ist, bis es fest in den Herzen verankert ist, und (wenn überhaupt nötig bei unserem „Fahrzeug“) nur einmal die paulinische Korrektur anbringen, käme man dem Grundanliegen des Paulus mit seiner Gemeinde viel näher.

Also: Wenn Du das nächste Mal in neutestamentlichen Briefen liest, versuch doch mal, Dir daraus ein Bild von dem zu machen, was dahinterliegt!

Dieser Text soll keine vollständige theologische Abhandlung sein. Vielmehr soll er Dir ein paar Anregungen liefern, um selbst weiter zu denken :D

Text von: Marco Neumann

 

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