vom 01.10.2017 - Autor: Chuck McKnight - übersetzt von Marco Neumann

Während wir unsere Unterhaltung über Polyamorie und die Kirche fortsetzen ist es wichtig, dass wir uns darüber klar werden, was mit "Polyamorie" gemeint ist. Das grundlegende Konzept ist sehr einfach: Polyamorie bedeutet, mehr als ein Individuum zur gleichen Zeit zu lieben. Aber viele Menschen neigen dazu, eine Menge falscher Annahmen über dieses Konzept zu machen. Da nun so viele Fehlkonzeptionen im Raum stehen, dachte ich es wäre hilfreich, Polyamorie darüber zu definieren was sie nicht ist.

Bei Polyamorie geht es nicht um Sex

Ich starte hiermit, weil das die häufigste Anschuldigung ist, die mir begegnete, seitdem ich diese Artikel schreibe: "Du willst nur rechtfertigen Sex mit anderen Menschen zu haben!". Aber das ist schlichtweg nicht der Punkt bei Polyamorie.

Der Punkt ist das Entwickeln intimer liebevoller Beziehungen mit mehr als einem Individuum. Und wenn wir von "Liebe" sprechen, meine ich die oft als agape oder selbstverschenkende Liebe bezeichnete Liebe, die Jesus veranschaulichte, nicht nur von der oft eros oder erotischen Liebe genannten (obwohl die beiden nicht so verschieden sind wie manche behaupten).

Da das nun klar ist: In solch einer Beziehung mag Sex eine von vielen wundervollen Arten sein, Liebe und Intimität auszudrücken. Und ich verspüre nicht das Bedürfnis, Sex "rechtfertigen" zu müssen. Sex ist grundsätzlich gut. Er ist außerdem sehr kraftvoll und wir müssen sicherlich sehr behutsam in unserer Sexualethik sein (ein Thema, das ich im nächsten Beitrag angehen werde). Aber ich weise die Ansicht zurück, dass Sex eine Art Tabu wäre, welches in nahezu allen Szenarios zu vermeiden sei - außer in einer heterosexuellen, monogamen Ehe.

Allerdings ist bei einigen polyamoren Menschen überhaupt kein Sex im Spiel. Das ist zum Beispiel der Fall wenn sie asexuell sind oder wenn es einfach nicht die Art Polyamorie ist, die sie sich wünschen. Manchmal sind intime aber nicht-sexuelle Beziehungen alles, wonach sich Menschen sehnen.

Polyamorie ist nicht Swinging

Siehe oben. Beim Swinging geht es nur darum, entspannten Sex zu haben, ohne notwendigerweise eine Beziehung einzugehen. Polyamorie hingegen ist eine Beziehung, die Sex beinhalten kann oder nicht. Einige polyamore Individuen sind vielleicht auch Swinger oder beteiligen sich von Zeit zu Zeit an Swinging. Aber Polyamorie und Swinging sind zwei getrennte Kategorien und wir sollten nicht automatisch annehmen, dass Polyamorie Swinging bedeutet. Üblicherweise tut es das nämlich nicht.

Polyamorie ist nicht Untreue oder Betrügen

Wenn Individuen in einer verbindlichen, exklusiven Beziehung zusammen sind und einer von ihnen bricht diese Verbindlichkeit mit jemand anderem, dann ist das nicht Polyamorie sondern Betrügen. In Polyamorie sollten alle involvierten Partner eine gegenseitige Übereinkunft darüber treffen, was sie jeweils erwarten. Polyamorie beinhaltet nicht weniger Verbindlichkeit als Monogamie - sie sieht nur ein wenig anders aus.

Die spezifischen Übereinkünfte in polyamoren Beziehungen unterscheiden sich sicher, aber der Schlüssel ist in jedem Fall so gut zu kommunizieren dass alle verstehen, wie die Vereinbarung aussehen soll. Und was immer solche Vereinbarungen festhalten mögen - wenn sie verletzt werden, dann ist das Untreue. Betrügen bleibt Betrügen, auch wenn es in einer polyamoren Beziehung passiert ist.

Polyamorie ist nicht Ehebruch

Ehebruch wurde manchmal verstanden als jede sexuelle Aktivität außerhalb der Ehe. Ich denke, dies wäre eine übermäßig beschränkte Definition, vor allem, wenn wir vom biblischen Konzept des Ehebruchs reden. Zu diesem Thema werde ich später noch einmal in größerer Tiefe zurückkehren - jetzt nur soweit: Ich werde Ehebruch als die Verletzung einer vertraglichen Beziehung definieren.

Deshalb - wenn jemand in der vertraglichen Beziehung einer exklusiven monogamen Ehe ist - in der beide Partner vereinbart haben, sich jeder außerehelichen sexuellen Aktivität zu enthalten - dann wäre eine solche Aktivität Ehebruch. Wie auch immer, polyamore Beziehungen sind nicht das gleiche wie monogame Beziehungen. Während ein vertraglicher Aspekt beteiligt sein kann, würde ein polyamorer Bund andere Inhalte haben - die dann sexuelle Aktivität außerhalb der Beziehung ausschließen oder auch nicht. Aber wie auch immer die Inhalte dieser Vereinbarungen aussehen - eine Verletzung wäre immer noch Ehebruch.

Polyamorie ist nicht einheitlich

Ich habe bereits angedeutet, wie sich polyamore Vereinbarungen voneinander unterscheiden können. Polyamorie kann tatsächlich eine Vielzahl von verschiedenen Formen haben. Ich werde nicht versuchen sie alle hier abzudecken, aber ich werde versuchen einen kurzen (und vielleicht zu stark vereinfachten) Überblick über ein paar Formen zu geben.

Auf der einfachsten Ebene sind Menschen polyamor, wenn sie mehrere Beziehungen haben, wünschen oder zumindest offen dafür sind. Das ist wahr selbst wenn sie im Augenblick Single sind. Und das ist ebenfalls wahr, selbst wenn sie im Augenblick nur mit einer Person in Beziehung leben.

Für einige Polys sind ihre Partner gleichzeitig die Partner der anderen Partner. Solch eine Beziehung wird oft "Triade" (oder "throuple") oder "quad" genannt, je nachdem, wie viele gegenseitige Partner beteiligt sind. Wenn es sich dabei um eine langfristige exklusive Beziehung handelt, wird oft von "Polyfidelity" oder "geschlossener Gruppen-Ehe" gesprochen.

Wenn ein Individuum mehrere Partner hat, aber diese Partner nicht miteinander in Beziehung stehen, kann das "V-Beziehung" genannt werden. Die Partner der Partner werden dann als deren "Metamours" bezeichnet. Und die Person, die alle miteinander verbindet, nennt man "Scharnier" ("hinge").

In manchen Fällen ist eine Partnerschaft zentral, wie beispielsweise Ehemann und Ehefrau, die zusätzliche Partner haben. Dies wird oft "hierarchische" Polyamorie genannt, aber ich mag diesen Begriff dafür nicht besonders, weil er an bestimmte Machtverhältnisse denken lässt, die nicht unbedingt vorhanden sind. Sie kann beispielsweise eine Art "Veto"-Recht über andere potentielle Partner beinhalten, aber das ist nicht immer so.

Die Person, mit der jemand in solch einer zentralen Beziehung ist, wird manchmal als "primärer", "Anker" oder "Nist-" Partner bezeichnet (mit unterschiedlichen Nuancen, die diese Begriffe auszeichnen). Wenn es keine derartige zentrale Beziehung gibt, wird oft von "nicht-hierarchischer" oder "egalitärer" Polyamorie gesprochen. "Beziehungs-Anarchie" ist ein anderer Begriff, der dazu in engem Bezug steht - aber selbst wenn es da Überlappungen mit Polyamorie gibt, kann er auch vollkommen andere Beziehungsformen bezeichnen.

Ich denke, das deckt fürs erste genug potentielle Variationen ab. Es genügt im Grunde zu sagen, dass jede polyamore Beziehung einzigartig ist und sich vollkommen von anderen unterscheiden kann. Außerdem werden die Begrifflichkeiten noch diskutiert und manche Menschen meinen mit dem gleichen Begriff etwas anderes als andere. Deshalb ist es am besten nie Vorannahmen zu machen. Stattdessen rede am besten mit den Beteiligten und lerne, wie ihre spezielle(n) Beziehung(en) funktionieren.

Polyamorie ist nicht das gleiche wie Polygamie

Das muss besonders im Kontext der Christenheit klargestellt werden - aufgrund der Unmenge an Polygamie, die sich in der Bibel findet und der komplizierten Geschichte, die die Kirche damit hatte.

"Polygamie" ist die Ehe von einem Individuum mit mehreren anderen Individuen. Es handelt sich um "Polygynie", wenn ein Mann mit mehreren Frauen verheiratet ist. Und es ist "Polyandrie", wenn eine Frau mit mehreren Männern verheiratet ist. Wenn sie in Liebe und Gegenseitigkeit gelebt wird, kann Polygamie eine Form von Polyamorie sein.

Allerdings wurde im größten Teil menschlicher Geschichte (und besonders in der Bibel) Polygamy als deutlich patriarchal ausgeprägte Form der Polygynie ausgelebt. Weit entfernt von Liebe oder Gegenseitigkeit bedeutete das oft, dass ein Mann im Grunde mehrere Frauen wie Besitz behandelte. Das hat nichts mit Polyamorie zu tun. Ich werde Polygamie und Patriarchie später detaillierte diskutieren.

Fazit

Wir haben nun eine Menge Boden gewonnen und hoffentlich haben wir es geschafft zu klären, was wir meinen, wenn wir von "Polyamorie" sprechen (im Gegensatz zu all den Dingen, die eben nicht Polyamorie sind). Mit diesem Verständnis im Hintergrund können wir damit beginnen, die Polyamorie von einer spezifisch christlichen Perspektive zu betrachten.

Obwohl ich erwähnte habe, dass es in Polyamorie nicht notwendigerweise um Sex geht, ist es doch genau dieser Punkt, auf den sich die Aufmerksamkeit von Christen in den meisten Fällen richtet. Deshalb werde ich im nächsten Beitrag eine christliche Sexualethik diskutieren und überlegen, wie diese Ethik auf Polyamorie angewendet werden kann.

 

Originaler Artikel von Chuck McKnight

aus dem Englischen übersetzt von Marco Neumann

Artikel im Original lesen

f t g