vom 28.09.2017 - Autor: Chuck McKnight - übersetzt von Marco Neumann

Die christliche Kirche hat im Hinblick auf menschliche Sexualität einen langen Weg zurückgelegt. Ein besonders bemerkenswerter Fortschritt bestand in der Akzeptanz der LGBTQ Gemeinschaft in vielen Großkirchen und in progressiven und liberalen Strömungen der Kirche. Damit will ich nicht nicht sagen, dass wir nicht noch einen weiten Weg zu gehen hätten - aber ich bin stolz auf die Fortschritte, die wir gemacht haben. Und ich bin stolz auf den Fakt, dass wir diese Unterhaltungen führen und uns durch Themen arbeiten, die sich von selbst präsentieren, und herauszufinden versuchen, was es bedeutet queer und gleichzeitig Christ zu sein.

Allerdings kann dasselbe nicht für eine andere Art der Beziehungsorientierung gesagt werden: Die Polyamory.

Polyamorie, in einer kürzlichen weitreichenden Studie definiert als "einvernehmliche, nicht monogame Beziehungen, in denen es eine offene Vereinbarung gibt, dass ein, zwei oder alle Individuen, die in einer romantischen Beziehung verbunden sind, ebenfalls andere sexuelle und/oder romantische Partner haben können", ist in der weltweiten Kultur im Aufstieg begriffen. Im Interesse der Transparenz sollte ich auch den Fakt eröffnen, dass meine Frau und ich selbst polyamor sind und kürzlich entschieden haben, unsere Ehe zu öffnen.


"einvernehmliche, nicht monogame Beziehungen, in denen es eine offene Vereinbarung gibt, dass ein, zwei oder alle Individuen, die in einer romantischen Beziehung verbunden sind, ebenfalls andere sexuelle und/oder romantische Partner haben können"


Einige Unterhaltungen haben sicherlich stattgefunden, aber in den meisten Fällen haben sie außerhalb der Wahrnehmung großer Teile der Kirche stattgefunden. Sicher, es gibt viel Geflüster und Gerüchte. Und es gibt reflexartige Reaktionen von konservativen Wachhunden, die vor dem "schlüpfrigen Pfad" von der Annahme von LGBTQ hin zur Polyamorie warnen (als wäre das ein offensichtliches Problem). Aber auch ein paar einzelne bestätigende Stimmen waren in den vergangenen paar Jahren zu hören. (Dank an Euch!)

Aber still und leise gibt es mittlerweile tausende gläubige Christen, die Polyamorie praktizieren. Sie leben Leben voller Begabung, Achtung und Wert aber erhalten nahezu gar keine geistliche Unterstützung.

Viele Kirchen haben sich geöffnet und heißen alle Menschen willkommen - was wundervoll ist! Leider scheint jedoch dieselbe Gastfreundschaft oft nicht auf polyamore Menschen ausgedehnt zu werden. Es gibt hunderte, wenn nicht tausende Bücher über gleichgeschlechtige Themen aus einer christlichen Perspektive. Aber ich konnte kein einziges Buch über Polyamorie in der Kirche finden. (Bitte gib mir Bescheid, wenn Du eines kennst!).


Leider scheint jedoch dieselbe Gastfreundschaft oft nicht auf polyamore Menschen ausgedehnt zu werden.


Das vor kurzem veröffentlichte sogenannte "Nashville Statement" hatte eine Anzahl wundervoller Gegen-Stellungnahmenzur Folge (einschließlich eines von tatsächlichen Einwohnern Nashvilles), aber nur eine der wesentlichen Antworten die ich bisher gesehen habe (abgesehen von meiner eigenen) hat sich zu dem Fakt geäußert, dass Polyamorie ursprünglich ebenfalls attackiert wurde: "Wir lehnen ab, dass Gott die Ehe als eine homosexuelle, polygame oder polyamore Beziehung konzipiert hat."

Warum das Schweigen von so vielen Freunden und potentiellen Verbündeten? (Meine Anerkennung für die Metropolitan Community Churches, die eine Ausnahme sind.)

Hier sind fünf Gründe, warum die Kirche beginnen muss, über Polyamorie zu reden:

  1. Wie ich erwähnt habe, gibt es bereits eine Menge gläubiger polyamorer Christen, und sie fühlen sich oft automatisch von ihren Glaubensgemeinschaften ausgeschlossen. Wenn die Kirche eine Kirche für alle Menschen sein soll dann müssen wir darüber reden was es bedeutet, poly und gleichzeitig Christzu sein. Wir können diese Art Beziehungen nicht einfach am Rande stehen lassen.
  2. Weiterhin gibt es viele gläubige Christen, die entweder spüren, dass sie poly sind oder drauf und dran sind, das herauszufinden. Aber sie sind sich nicht sicher, ob es mit ihrem Glauben vereinbar ist.
  3. Im Zusammenhang mit dem oben Gesagten gibt es eine Anzahl Menschen die die Kirche verlassen haben, weil sie glauben - fälschlicher- oder richtigerweise - dass ihre polyamoren Beziehungen dort nicht willkommen wären.
  4. Und es gibt viele polyamore Nicht-Christen die daran interessiert wären, mehr über den christlichen Glauben zu erfahren, wäre da nicht die gleiche Befürchtung, dass sie nicht willkommen wären.
  5. Schlussendlich: Polyamorie ist da und sie wächst - unabhängig davon, was man persönlich darüber denken mag. Wir müssen lernen, wie das Spektrum nicht-monogamer Beziehungen aussieht und wie sie funktionieren - wenn schon aus keinem anderen Grund als unsere polyamoren Nachbarn besser zu verstehen und nachempfinden zu können.

Deshalb werde ich in den nächsten Beiträgen versuchen, die Unterhaltung darüber anzustoßen. Ich habe nicht vor, irgendein abschließendes Wort über Polyamorie und Christenheit zu sprechen. Aber ich habe die Hoffnung, dass andere aus weiteren Kreisen der Kirche - vor allem jene, die bereits LGBTQ akzeptieren - mit ihren eigenen Gedanken antworten. Was die eher konservativen Zweige der Kirche angeht - da bin ich recht sicher dass ich bereits weiß, wie sie reagieren werden und ich bin nicht besonders beunruhigt darüber. Aber wer weiß - vielleicht werden sie mich überraschen?!


...wenn schon aus keinem anderen Grund als unsere polyamoren Nachbarn besser zu verstehen und nachempfinden zu können.


Im nächsten Beitrag  starten wir die Unterhaltung, indem wir einige Missverständnisse darüber ausräumen, was Polyamorie eigentlich ist - bzw. was sie nicht ist. In der Zwischenzeit: falls Du daran interessiert bist aus einer respektablen Quelle mehr über Polyamorie zu erfahren, dann wirf einen Blick auf MoreThanTwo.com.

 

Originaler Artikel von Chuck McKnight

aus dem Englischen übersetzt von Marco Neumann

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