vom 11.07.2017 - Autorin: Cindy Brandt - übersetzt von Marco Neumann

Hast Du Dich jemals gefragt, wie es sein kann, dass Dir gesagt wird, dass Du geliebt bist – von Deinen Eltern, Deinen Lehrern oder von der Kanzel – aber Du Dich noch nie geliebt gefühlt hast? Wie kommt es, dass fundamentalistische Christen anderen erzählen, sie würden lieben, lieben, lieben, aber alles wonach es sich anfühlt ist, dass sie hassen, hassen, hassen? An welcher Stelle gehen da ihre Worte und die Art, wie ihre Absichten aufgenommen werden, auseinander?

Sich geliebt zu fühlen ist ein unheimlicher Luxus, und ich habe Jahrzehnte gebraucht, um die wenigen Momente festzunageln, in denen ich mich wirklich geliebt gefühlt habe und bis tief in mein Herz gespürt habe, dass das stimmt. Außerdem habe ich die Ursache dafür herausgefunden, warum nette Freunde mir erzählen können, sie würden mich lieben, aber sich das nahezu bedeutungslos anfühlt.

Und die Ursache ist folgende: Sie kennen mich nicht.

Vielleicht kennen sie die lahmen Witze, die ich bei Facebook poste. Möglicherweise sehen sie das freundliche Lächeln, dass ich ihnen zuwerfe, während ich vorbeigehe, oder mein soziales Geplänkel auf Parties. Sie sind mir vielleicht über Jahre hinweg immer wieder im Alltag begegnet, aber kennen immer noch nicht mein wahres Ich. Und ich werfe ihnen das nicht vor, denn es hat mich selbst Jahre gekostet, mein wahres Ich kennenzulernen.

Der Prozess uns selbst und andere wirklich kennenzulernen erfordert die langsame Arbeit Vertrauen aufzubauen, wirklich zuzuhören, die Bereitschaft, Ungemütlichkeit auszuhalten und einander Lasten zu tragen, das Risiko einzugehen sich zu entfremden mit der Hoffnung sich wieder zu versöhnen. Es ist ein wunderschöner wechselseitiger Tanz um in den Takt mit den Bewegungen des anderen zu kommen und sich in ihren Rhythmus hineinzugeben. Aber hinter jedem Tanz steckt die harte Arbeit sich in Form zu bringen – die Dehnung der Muskeln bevor es losgehen kann und die unablässigen Frustrationen durch Fehltritte, gebrochene Zehen und verlorene Lust.

Menschen sagen, die ultimative Freude ist es gekannt und geliebt zu werden. Dass Gott uns kennt und bedingungslos liebt. Dass das Besondere an Gottes Liebe sei, dass er uns liebt, obwohl er alle unsere kleinen Geheimnisse kennt.

Dem stimme ich nicht zu.

Gott liebt uns nicht trotzdem er unsere Fehler kennt.

Gott zeigt uns dadurch Liebe, dass er uns kennt.

Denn ich habe noch nie jemanden nicht geliebt, bei dem ich die Anstrengung auf mich genommen habe, ihn kennenzulernen. Niemals. Nicht einen. So wie Mary Lou Kownacki es ausdrückt: „Da gibt es nichts was Du nicht lieben kannst, wenn Du erst seine Geschichte gehört hast.“ Wirklich zu kennen bedeutet zu lieben.

Wenn Du jemanden wirklich kennst bedeutet das, dass Du nicht die Entscheidungen, den Charakter oder die Umstände beurteilst. Dein einziges Anliegen ist herauszufinden, was von ihnen wahr ist – aber nicht sie an Deinen Werten zu messen. Es gibt keine größere Liebe als diese: Alle unsere Vorurteile zur Seite zu legen, uns eines Urteils zu enthalten, unsere Empfindlichkeiten abzulegen – und das alles um wirklich die Geschichte anderer hören zu können und sehen zu können, wer sie wirklich sind. Um ihr authentisches Selbst auszumachen im Nebel unserer gesellschaftlichen Erwartungen. Um liebevoll genug zu sein, damit diese wahre Person den Mut hat den Schritt vom nicht gekannt sein zum gekannt sein zu gehen.

Das ist auch eine wichtige Wahrheit für uns als Eltern. Wir können sagen, dass wir unsere Kinder lieben bis uns unsere Kehlen austrocknen, aber bis wir nicht die Anstrengung auf uns nehmen, sie wirklich kennenzulernen, wird unsere Liebe ein leeres Wort bleiben. Unfundamentalistisch zu erziehen bedeutet, unsere Kinder an dem Kennenlern-Tanz zu beteiligen und sie auch mit auf die gefährliche und herrliche Reise zu nehmen, sich selbst kennenzulernen.

Weißt Du was besser ist als Deinen Kindern Komplimente zu machen? Ihnen konkrete Komplimente zu machen. Lass Deine Worte der Bestätigung durchtränkt sein zumindest von dem Versuch, ihr jeweils einmaliges Wesen zu verstehen. Zu kennen bedeutet zu lieben bedeutet Deine Kinder zu kennen. Wirklich – lern sie kennen! Streng Dich an, die Teile von Dir selbst auszumachen, die es für Dein Kind schwer machen, sich Dir wirklich zu öffnen und halte diese Teile zurück. Schaff Deinen Kindern Raum und Zeit um sich selbst zu zeigen. Und wenn sie es tun, lass Dich hinreißen von dem atemberaubenden Bild Gottes, das Du in ihnen erkennst. Dann werden sie uns mit ihrer Einzigartigkeit aufrütteln, ihrer Besonderheit und ihrer Fähigkeit zu echtem Leben.

Und dann – bleib dran während sie wachsen. Ich sehe so viele Eltern die ihre erwachsenen Kinder so behandeln, als wären sie immer noch dieselben Menschen wie zu der Zeit, als sie zu Hause aufwuchsen. Ich wünsche mir, dass wir fasziniert sind von der Evolution der sich verändernden Identitäten unserer Kinder – auch wenn sie schon flügge geworden sind. Dass wir unsere vorgefassten Vorstellungen von unseren Kindern aufgeben – von ihren jüngeren Versionen die wir kannten – und offen dafür sind zu erkennen, wohin sie sich entwickelt haben.

Der Tanz mit unseren Kindern wird sich immer wieder verändern während sie und wir älter werden, aber mit Willen und ein wenig Anstrengung, können wir mit Gnade in die wechselnden Bewegungen einstimmen, anstatt uns auseinander zu leben.

Also dann: Wie sollten wir unsere Kinder lieben? Indem wir sie kennen, sie sehen und für sie da sind.

Originaler Artikel von Cindy Brandt

aus dem Englischen übersetzt von Marco Neumann

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Über Cindy Brandt
 

Cindy Brandt schreibt über Glauben in der Respektlosigkeit, Wunder im Gewöhnlichen und Schönheit an den Rändern. Sie ist mehr daran interessiert evangelisiert zu sein als zu evangelisieren, ein sozialer-Gerechtigkeit-Christ und eine Feministin. Sie schreibt für cindywords.com, während sie in der 33 Etage eines Wolkenkratzers in Taiwan sitzt. Dort lebt sie mit ihrem Mann, zwei Kindern und einem Miniatur-Yorkie. Ihr erstes Buch ist "Outside In: Ten Christian Voices We Can't Ignore". Sie ist Gründer des Unfundamentalist Parenting blog und der Facebook-Gruppe Raising Children Unfundamentalist, und sie arbeitet an ihrem zweiten Buch, das sich auch mit dem Thema Erziehung auseinandersetzt.

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