vom 03.07.2017 - Autor: Chuck Queen - übersetzt von Marco Neumann

Josef ist keine dominante Figur in den Erzählungen um Jesu Geburt, aber in Matthäus‘ Erzählung von Josefs Begegnung mit dem Engel (Matth.1,18-25), wird er zu einer Art Vorbild für jeden von uns.

Überlege einmal wie Josef reagiert als er entdeckt, dass die Frau, die sich ihm versprochen hatte, schwanger war und er natürlich annahm, dass sie untreu gewesen ist.

Der Text sagt: „Josef aber, ihr Mann, der fromm und gerecht war und sie nicht in Schande bringen wollte, gedachte, sie heimlich zu verlassen.“ Was meint der Text, wenn dort steht, dass Josef „fromm und gerecht war“? Für die Schriftgelehrten und Pharisäer und andere Gläubige dieser Tage bedeutete es, dass Josef das Gesetz Gottes kannte und befolgte – so wie viele Christen heute „gerecht sein“ als Gehorsam gegenüber der Schrift verstehen. Aber ist es immer der Wille Gottes der Bibel zu gehorchen?

Was sollte Josef denn nach der Bibel in dieser Situation tun? In 5. Mose 22,21 sagt das Gesetz sehr genau wie mit einer untreuen Frau zu verfahren ist: „so soll man sie heraus vor die Tür des Hauses ihres Vaters führen, und die Leute der Stadt sollen sie zu Tode steinigen, weil sie eine Schandtat in Israel begangen und in ihres Vaters Hause Hurerei getrieben hat;“ Das ist es, was die Bibel sagt. Die Juden hatten unter römischer Vorherrschaft zwar nicht das Recht, derartige Strafen zu vollziehen, aber Josef hätte das Leben für Maria sehr schwer machen können. Aber Matthäus sagt, weil Josef „fromm und gerecht war“ wollte er das ohne Aufsehen behandeln um Maria nicht öffentlicher Schande und Schmach auszusetzen. Mit anderen Worten: Weil er fromm und gerecht war entschied er, der Schrift nicht zu gehorchen, die Maria richtet und verdammt.

In einer seiner Meditationen schrieb Richard Rohr kürzlich: „Gott stellt lieber wieder her als zu bestrafen - das ist eine sehr viel höhere Vorstellung davon, wie Dinge vor Gott gerechtfertigt werden. Die volle und endgültige biblische Botschaft lautet wiederherstellende Gerechtigkeit, aber den Großteil der Geschichte lang waren wir nur dazu fähig, vergeltende Gerechtigkeit zu verstehen. Nun, ich weiß, dass Du vermutlich gerade an viele Passagen im Alten Testament denkst, die sicherlich nach ernsthafter Vergeltung klingen. Und ich kann nicht bestreiten, dass es da viele schwarz/weiß – Stellen gibt, Schriften voller Vergeltung, was exakt der Grund dafür ist, dass wir uns darüber klar sein müssen, dass nicht alle Schriften den gleichen Grad an Inspiration haben oder von der gleichen Ebene des Bewusstseins stammen.“

Unter Predigern ist der späte Fred Craddock – ebenfalls Prediger – sehr beliebt. Dr. Craddock war ein Professor für Neues Testament und Homiletik, der angehende Prediger darin ausbildete, sowohl ihr Neues Testament zu lesen wie auch zu predigen. In einer Predigt über unseren Text sagte Dr. Craddock: „Josef ist ein guter Mann und er wächst bis zu einem Punkt, der absolut bemerkenswert ist für seine Zeit. Er liebt seine Bibel und er kennt seine Bibel und er freut sich herzlich über sie. Aber er liest seine Bibel durch eine bestimmte Linse: Die Linse der Natur und des Charakters eines Gottes der liebevoll und freundlich ist. Deshalb sagt er: ‚Ich werde Maria nicht verletzen, nicht missbrauchen, nicht zur Schau stellen, beschämen, verhöhnen oder sie erniedrigen oder an ihrer Würde und ihrem Wert beschädigen.‘“ Dann fragt Craddock: „Wo steht das, Josef? In Deiner Bibel? Ich werde Dir sagen, wo das steht: Es steht in der Natur und dem Charakter Gottes.“

Was sagt Dr. Craddock? Er sagt, dass uns die Bibel nicht immer ein verlässliches Bild der wahren Natur und des wahren Charakters Gottes gibt. Sicherlich gibt es darin Texte die sehr erleuchtet sind und den höchsten Grad menschlichen Bewusstseins widerspiegeln, aber es gibt dort auch andere Texte, die sehr tief in den Vorstellungen der damaligen Kultur verwurzelt sind.

Auf wen hat Josef gehört? Er hat auf den Gott gehört, der mit ihm war. Er hörte auf den Gott, den er persönlich kennengelernt und erlebt hatte. Josef entschied sich nicht auf die Schrift zu hören, die ihm sagte, er solle Maria steinigen, so dass er statt dessen auf die Stimme göttlicher Gnade und Barmherzigkeit hören konnte.

Im Nazi-Deutschland kam ein Jude, der um sein Leben lief, während seiner Flucht zu einer kleinen Stadt. Er suchte das Haus des christlichen Pastors in der Hoffnung, Zuflucht zu finden. Er klopfte an der Tür und als der Pastor öffnete, erzählte er seine Geschichte und fragte, ob er wohl ein paar Tage bleiben könne, bis es wieder sicherer war, weiterzuziehen. Der Pastor bat ihn herein – er möge kurz warten. Der Pastor wusste, wenn dieser junge Mann hier gefunden würde, würde die ganze Stadt dafür verantwortlich gemacht werden und viel zu erleiden haben. Deshalb ging er sofort in seinen Gebetsraum und schloss die Tür. Er bat Gott um Führung und öffnete seine Bibel. Darauf schlug ihm der Vers aus dem Johannes-Evangelium entgegen, in dem es heißt: „Es ist besser dass ein Mensch stirbt, als dass das ganze Volk leidet.“ Er wusste, er hat seine Antwort. Also schickte er den Mann fort. Später an diesem Abend erschien ein Engel und fragte ihn: „Wo ist der Flüchtling?“. Der Pastor sagte: „Ich habe ihn fortgeschickt, wie das heilige Buch mir sagte“. Der Engel sagte: „Wusstest Du nicht, dass dies der Christus war? Wenn Du in seine Augen gesehen hättest, anstatt zuerst zu Deinem Buch zu laufen, hättest Du es gewusst.“

Wenn wir Jesus ins Gesicht schauen um zu sehen, wie Gott ist, dann würden wir feststellen, dass Gott immer die Gnade dem Gericht vorzieht, dass Gott immer mehr an Einbeziehung als an Ausschließen interessiert ist, dass in Gottes Welt Menschen immer der Vorzug vor irgendeinem Gesetzbuch oder einem Gesetz gegeben wird.

Oder wenn wir einfach in die Gesichter unserer Brüder und Schwestern um uns herum schauen würden, dann könnten wir die Sehnsucht und das Herz Gottes erkennen. Wir können in die Gesichter der Kranken und Trauernden sehen und darin Gottes Sehnsucht nach einer Welt erkennen, in der Krankheit oder Schwachheit oder irgendeine andere Form von menschlichem Leiden nicht mehr die Macht hat, ein Kind oder einen anderen geliebten Menschen mitten aus dem Leben zu reißen. Wir können in die Augen der Notleidenden blicken und darin Gottes Sehnsucht nach einer Welt wahrnehmen, wo jeder genug hat so dass es ihm gut geht – und er nicht nur überlebt, eine Welt, in der keine Gruppe sich mehr als Herr über eine andere Gruppe aufspielen kann oder zu viel hat, während andere so sehr wenig haben. Wir können in die Gesichter derer schauen, die herabgewürdigt und erniedrigt wurden und können dort Gottes Sehnsucht nach einer Welt sehen, die jeder Ausgrenzung und Verdammung von anderen Religionen und Rassen ein Ende gesetzt hat. Wir können in die Gesichter der Verarmten und Vertriebenen schauen und derer, die durch Explosionen und Gewehrfeuer gestorben sind und Gottes Sehnsucht nach einer Welt ohne Armut und Krieg erkennen.

Josef verließ sich nicht zuerst auf seine Bibel um den Willen Gottes herauszubekommen. Und sein Sohn Jesus folgte seinem Beispiel. Josef und Jesus verließen sich auf ihre eigene innere Autorität – ihre Erfahrung mit Vater/Mutter/Geist – der ultimativen Quelle von Liebe und Gnade. Josef und Jesus haben ihre Erfahrung und ihr Verständnis von Gott in ihre Interpretation und Anwendung der Schrift eingebracht. Und da wir Nachfolger Jesu sind, sollten wir es genauso machen.

Originaler Artikel von Chuck Queen

aus dem Englischen übersetzt von Marco Neumann

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Über Chuck Queen


Chuck Queen ist Pastor der Immanuel Baptist Church in Frankfort, Ky., und Autor mehrerer Bücher - unter anderem “Being a Progressive Christian (is not) for Dummies (nor for know-it-alls): An Evolution of Faith.”. Chuck bloggt bei "A Fresh Perspective" und schreibt regelmäßige Beitrage für den "Unfundamentalist Christians" Blog.

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